Haben Pils, Weizen & Co. ausgedient?

Quelle: Fotolia, akf, "5 Pils in reihe", 27298023

Der Bierabsatz in Deutschland sinkt seit 30 Jahren – das ist nicht neu. Umso erstaunlicher, dass die so genannten modernen Sorten wie Pale Ale, Porter oder Stout, die als Geheimtipps unter Experten gehandelt werden und auf steigende Beliebtheit stoßen, nun den deutschen Biermarkt aufmischen, obwohl es seit Jahren viele Spezialitätenbiere von Bock bis unfiltriertes Landbier in Deutschland gibt. Zunächst sorgten noch die neuen Produkte der Premiumsparten bekannter Brauereien für Aufsehen. Inzwischen ist aber ein deutlicher Trend zu exotischeren Sorten erkennbar: Traditionelle Biere wie Pils und Weizen scheinen den modernen Typen zu weichen. In den Großstädten Hamburg, Berlin und München eröffnen Gaststätten, die darauf spezialisiert sind, ihren Gästen außergewöhnliche Brauereierzeugnisse aus der ganzen Welt zu kredenzen.

Kann dieser Trend deutschen Traditionsbrauereien gefährlich werden? Wohl kaum. Eine Mitteilung des Deutschen Brauer-Bundes (DBB) zufolge stand Pils 2014 mit über 50 Prozent Marktanteil unter allen in Deutschland verkauften Biersorten weiterhin auf Platz eins, gefolgt von Export und Weizenbier. Der DBB rechnet aber damit, dass sich auf dem deutschen Biermarkt 2015 unter anderem der Trend zu mehr Vielfalt und neuen Angeboten gerade auch im Premium-Bereich fortsetzen wird. „Das Interesse der Verbraucher an der Vielfalt deutscher Biere, an der Tradition und Kunst des Brauens wächst“, so DBB-Präsident Dr. Hans-Georg Eils und Hauptgeschäftsführer Holger Eichele. Fest steht aber, dass die modernen Sorten weiter im Trend liegen, obwohl rund 1.300 deutsche Brauereien den Markt mit 5.000 Produkten seit Jahren gut abdecken. Ein Mangel an Vielfalt besteht also wahrlich nicht.

Dass dennoch innerhalb des traditionellen Sortiments Innovationen und eine reiche Geschmacksvielfalt möglich sind, zeigt beispielsweise Duckstein (Foto Duckstein Braumeister). Die Edelbiermarke blickt auf eine 400 Jahre alte Brauexpertise zurück und war von Beginn an in der Premium-Klasse angesiedelt: So galt es beispielsweise als Lieblingsbier von Friedrich Wilhelm I. von Preußen. Einen Trend markierte die Brauerei, als sie in den 80er Jahren diese Original-Rezeptur wieder entdeckte. Andere wie Hövels aus Dortmund oder Braufaktum aus Frankfurt folgten. Die Duckstein Braumeister-Editionen, die seit 2010 alljährlichen als Saisonbiere auf den Markt kommen, wurden 2011 – noch vor dem ungebremsten Einzug der modernen Sorten – im Craft-Beer-Segment um eine Braukunst Special Edition erweitert. Die limitierte Auflage von 1.500 Flaschen zu einem Stückpreis von 22,90 Euro war bereits nach einer Woche ausverkauft. Die diesjährige Braumeister-Edition besteht aus gleich drei Sorten. Bernstein Märzen, Opal Pilsener und Rubin Bock gelten als Grand Crus, denn sie betonen die hohe Qualität der Rohstoffe.

Durch die neuen, außergewöhnlichen Kreationen scheint jedoch auch das Reinheitsgebot an Bedeutung zu verlieren – ausgerechnet jener Aspekt, mit dem die deutschen Brauer sich noch gegenüber den modernen Sorten behaupten konnten. „Das Reinheitsgebot ist Folkore“, behauptet provokant Heinz Grüne vom Rheingold Institut, eine der renommiertesten Adressen der qualitativ-psychologischen Wirkungsforschung. Das es auch anders geht, zeigen längst einige Marken. Im kommenden jahr feiert das Reinheitsgebot seinen runden Geburtstag. Im April 1516 trat der Bayerische Landständetag unter Vorsitz von Herzogm nWilhelm IV. in Ingolstadt zusammen. Dieses Gremium billigte eine vom Herzog vorgelegte Vorschrift – und machte sie damit für ganz Bayern und im Nachhinein in ganz Deutschland verbindlich – dass zur Herstellung des Bieres nur Gerste, Hopfen und Wasser sowie später auch Hefe verwendet werden dürften. Das Reinheitsgebot hat auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Denn es garantiert in einer Zeit, in der andere Lebensmittel oft negative Schlagzeilen machen, laut Brauerbund einen wirksamen Verbraucherschutz. Pils, Weizen & Co. haben also noch längst nicht ausgedient. Vielfalt belebt das Geschäft, dafür steht die Deutsche Bierlandschaft mit mehr als 5.000 Produkten. Das ist weltweit einmalig!